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Tag 20 von 30 · Woche 3 · Verhalten und Grenzen

Geschwisterstreit: begleiten statt Schiedsrichter spielen

8 Min. Lesezeit

Es ist zehn nach sechs, das Nudelwasser kocht, und aus dem Nebenzimmer kommt das Geräusch, das alle Eltern von mehr als einem Kind kennen: ein Rums, ein Kreischen, dann zwei Stimmen gleichzeitig. "Sie hat angefangen!" "Er hat mein Ladekabel genommen!" Sie kommen herein und werden sofort zu Richter, Geschworenen und Gefängniswärter ernannt. Wie auch immer Sie entscheiden, einer geht mit dem Gefühl hinaus, dass es ungerecht war, und morgen liegt derselbe Fall wieder vor Gericht.

Warum es wichtig ist

Geschwisterstreit ist kein Zeichen dafür, dass in Ihrer Familie etwas schiefläuft. Forschende, die Brüder und Schwestern zu Hause beobachten, stellen fest, dass kleine Geschwister viele Male pro Stunde aneinandergeraten, und dasselbe Paar verteidigt sich ein paar Jahre später oft leidenschaftlich gegenseitig. Die Psychologin Judy Dunn, die Geschwister ab dem Kleinkindalter begleitete, zeigte, dass diese Beziehungen einer der ersten Orte sind, an denen Kinder lernen, die Gefühle eines anderen Menschen zu lesen: Ein Zweijähriges weiß genau, wie es ein Geschwister ärgern kann, und auch, wie es eines trösten kann.

Damit sind Geschwisterstreitigkeiten ein Übungsfeld. Kinder üben verhandeln, für sich einstehen und sich mit jemandem versöhnen, dem sie nicht einfach aus dem Weg gehen können. Das Problem ist: Wenn Eltern Schiedsrichter spielen, ändert sich die Lektion. Kinder lernen, dass man gewinnt, indem man den Erwachsenen auf seine Seite zieht: als Erster da sein, am lautesten weinen, die beste Geschichte erzählen. Hildy Ross und ihre Kolleginnen in Kanada brachten Eltern eine andere Rolle bei: die der Vermittlerin oder des Vermittlers. Die Eltern halfen jedem Kind, zu sagen, was es wollte, die andere Seite anzuhören und Lösungen vorzuschlagen. In diesen Familien verhandelten die Kinder konstruktiver und verstanden die Sicht ihres Geschwisters besser als Kinder, deren Eltern Streit wie gewohnt regelten.

Vergleiche gießen Öl ins Feuer. "Warum kannst du nicht so ordentlich sein wie dein Bruder?" macht Geschwister zu Konkurrenten um einen knappen Vorrat an Anerkennung, und Kinder reagieren äußerst empfindlich auf alles, was sie als Ungleichbehandlung wahrnehmen. Begleiten heißt aber nicht ignorieren. Wird jemand verletzt oder hat ein Kind ständig Angst vor dem anderen, greifen Sie sofort ein.

Probieren Sie es heute aus

  1. Legen Sie Ihre Schwelle vor dem nächsten Streit fest. Gezänk können Sie aus der Nähe meist ignorieren. Lauter werdende Stimmen verlangen nach Begleitung. Schlagen, Gemeinheit oder ein großer Größenunterschied bedeuten: erst trennen, dann reden. Erzählen Sie Ihren Kindern vom Plan: "Wenn niemand verletzt wird, lasse ich euch erst mal selbst versuchen, es zu klären."
  2. Beschreiben Sie das Problem, nicht den Schuldigen. Lassen Sie "Wer hat angefangen?" weg und sagen Sie, was Sie sehen: "Ich sehe zwei Kinder und ein Ladekabel, und ihr braucht es beide."
  3. Geben Sie jedem Kind das Wort. Eines spricht, das andere wartet, dann wird gewechselt. Geben Sie wieder, was Sie gehört haben, ohne es zu bewerten: "Du hast es also zuerst eingesteckt, und du hast vier Prozent Akku und um acht ein Telefonat." Kinder beruhigen sich, sobald sie sich verstanden fühlen.
  4. Geben Sie das Problem zurück. "Das ist eine knifflige Sache. Was könntet ihr beide tun?" Nehmen Sie zunächst jede Idee an. Kommen die beiden nicht weiter, bieten Sie einen Vorschlag als Frage an: "Was wäre, wenn ihr einen Wecker stellt?"
  5. Lassen Sie sie wählen und schauen Sie später nach. "Die Abmachung ist also: je zwanzig Minuten, und wer zuerst dran ist, stellt den Wecker? Ich komme gleich wieder und schaue, wie es läuft."
  6. Verabschieden Sie sich von Vergleichen, auch von schmeichelhaften. "Schau mal, wie schön deine Schwester isst" lehrt beide Kinder, dass sie in einem Wettbewerb stehen. Sprechen Sie mit jedem Kind über sein eigenes Verhalten, für sich betrachtet.

So kann es klingen

Nicole ist alleinerziehend, und diesmal geht es um die Hundeleine. Der zwölfjährige Lukas und die achtjährige Lena wollen beide beim Spaziergang die Leine halten und zerren im Flur daran, während der Hund verwirrt zuschaut.

Nicole nimmt die Leine und hängt sie an den Haken. "Zwei Leute, eine Leine und ein Hund, der raus muss. Das ist ein echtes Problem." Lena sagt, Lukas kriege sie immer. Lukas sagt, Lena lasse los, wenn der Hund zieht. Nicole wiederholt beides: "Lena, du hast das Gefühl, nie dranzukommen. Lukas, du machst dir Sorgen, dass sie nicht festhält." Dann fragt sie: "Was könnte funktionieren?" Lena schlägt vor, an jeder Laterne zu tauschen. Lukas verdreht die Augen und bietet dann an: "Sie kann sie bis zum Park halten, da ist es ruhig, und ich nehme sie auf dem Rückweg an der Hauptstraße." Lena denkt nach. "Abgemacht. Aber ich zuerst."

Nicole hat nichts entschieden. Sie hat das Problem benannt, dafür gesorgt, dass sich jedes Kind gehört fühlte, und abgewartet. Lukas' Sorge um die Sicherheit wurde respektiert, Lenas Gerechtigkeitsgefühl wurde ernst genommen, und der Plan gehörte beiden, deshalb haben sie sich auch daran gehalten.

Nach Alter

Wenn es schwerfällt

"Aber einer hat wirklich angefangen." Manchmal stimmt das. Sie können trotzdem hinterher unter vier Augen mit dem Kind sprechen, das geschlagen oder etwas weggerissen hat. Der Punkt ist: Bei den meisten Streitigkeiten haben Sie den Anfang nicht gesehen, und ein Urteil auf Grundlage von Vermutungen lässt ein Kind verraten zurück.

"Die beiden einigen sich nie auf irgendetwas." Die ersten Versuche sind holprig, und das ist in Ordnung; Sie bringen einen Ablauf bei und erwarten keinen Friedensvertrag. Gibt es nach angemessener Zeit keine Einigung, macht der Gegenstand Pause: "Das Ladekabel bleibt bei mir, bis ihr einen Plan habt, den ihr beide akzeptiert." Die Verhandlungen werden dann meist bemerkenswert schnell.

"Das Jüngere ist immer das Opfer." Beobachten Sie ein paar Tage genau. Jüngere Kinder können geschickte Provokateure sein, die wissen, dass Tränen Rettung bringen, während ältere sich oft automatisch beschuldigt fühlen. Beide müssen Sie als fair erleben, und beiden tut regelmäßige Zeit allein mit Ihnen gut.

Häufige Stolperfallen

Wird ein Kind regelmäßig verletzt oder hat Angst vor einem Geschwister, holen Sie sich Unterstützung bei Ihrer Kinderärztin, Ihrem Kinderarzt oder einer Familientherapeutin.

In einem Satz

Wenn Sie begleiten statt urteilen, sind Geschwisterstreitigkeiten kein Wettkampf mehr um Ihr Urteil, sondern Übung für jede Beziehung, die Ihre Kinder je haben werden.

Quellen

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychologische Beratung. Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, wenden Sie sich an eine Fachperson.