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Tag 3 von 30 · Woche 1 · Verbindung

Erst zuhören, dann lösen

7 Min. Lesezeit

Ihr Kind kommt nach Hause und sagt, die Lehrerin sei ungerecht gewesen, oder niemand habe in der Pause mit ihm gespielt, oder die beste Freundin ignoriere es plötzlich. Noch bevor es den zweiten Satz beendet hat, geben Sie schon Ratschläge: Sag es der Lehrerin, such dir jemand anderen zum Spielen, die ist es sowieso nicht wert. Das kommt aus Liebe. Doch oft verstummt Ihr Kind, sagt "Ach, vergiss es" oder verlässt den Raum. Das Problem ist nicht gelöst, und beim nächsten Mal kommt es damit vielleicht gar nicht mehr zu Ihnen.

Warum es wichtig ist

Wenn Kinder etwas erzählen, das wehtut, brauchen sie selten zuerst eine Lösung. Sie brauchen das Gefühl, verstanden zu werden. Ein Kind, das von Enttäuschung oder Wut überflutet ist, kann erst dann klar über Möglichkeiten nachdenken, wenn das Gefühl gehört wurde und sich ein wenig gelegt hat. Ein Rat, der zu früh kommt, kann klingen wie: "Deine Gefühle sind ein Problem, das schnell weg muss."

Der Psychologe John Gottman, der Familien über viele Jahre beobachtet hat, beschrieb Eltern, die er "Emotionscoaches" nannte. Sie sahen den Kummer ihres Kindes als Gelegenheit, sich näherzukommen, und halfen, das Gefühl in Worte zu fassen, bevor es ans Lösen ging. Ihre Kinder, so berichtete er, beruhigten sich meist schneller, kamen besser mit Freunden zurecht und waren erfolgreicher in der Schule. Die ältere Idee des "aktiven Zuhörens", entwickelt aus der Arbeit von Carl Rogers, beruht auf derselben Einsicht: Menschen finden bessere Lösungen, wenn sie sich genau gehört fühlen.

Es gibt auch einen langfristigen Grund. Forschung von Margaret Kerr und Håkan Stattin zu Jugendlichen zeigte, dass das meiste, was Eltern über das Leben ihrer Teenager wissen, aus dem stammt, was die Jugendlichen ihnen von sich aus erzählen, und nicht aus Ausfragen oder Kontrollieren. Wer mit sieben gut zuhört, investiert darin, mit fünfzehn die Wahrheit zu hören.

Probieren Sie es heute aus

  1. Unterbrechen Sie, was Sie gerade tun, wenn es geht. Wenden Sie sich Ihrem Kind zu, klappen Sie den Laptop zu, legen Sie das Messer beim Gemüseschneiden kurz ab. Wenn es gerade wirklich unmöglich ist, sagen Sie das und nennen Sie eine Zeit: "Ich will das unbedingt hören. Gib mir fünf Minuten, bis ich das Telefonat beendet habe, dann bin ich ganz für dich da."
  2. Spiegeln Sie, was Sie hören. Fassen Sie die Worte Ihres Kindes und das Gefühl darunter in einen eigenen Satz: "Du hast ihr also einen Platz freigehalten, und sie hat sich zu jemand anderem gesetzt. Das tut richtig weh." Sie müssen seiner Version der Ereignisse nicht zustimmen, um anzuerkennen, wie es sich angefühlt hat.
  3. Nutzen Sie kleine Türöffner. "Oh." "Hm." "Wirklich?" "Erzähl mehr." Diese kurzen Reaktionen halten den Kanal offen, ohne zu lenken. Die erste Beschwerde ist oft nicht die eigentliche.
  4. Halten Sie Lösung, Belehrung und das Positive zurück. Verkneifen Sie sich "Na, was hast du ihr denn getan?", "In deinem Alter hatte ich es viel schwerer" und "Bis Montag hast du das vergessen." Jeder dieser Sätze, so gut gemeint er ist, sagt Ihrem Kind: Hör auf zu reden.
  5. Fragen Sie, bevor Sie raten. Wenn Ihr Kind alles gesagt hat und ruhiger wirkt, fragen Sie: "Möchtest du Ideen, oder musstest du das vor allem mal loswerden?" Viele Kinder, besonders Jugendliche, wählen das Zweite. Wenn es doch Ideen möchte, versuchen Sie es erst mit "Was ist dir selbst schon eingefallen?", bevor Sie Ihre anbieten.

So kann es klingen

Thomas fährt die fünfzehnjährige Nele vom Volleyballtraining nach Hause. Sie scrollt auf ihrem Handy und lässt es dann in den Schoß fallen. "Die haben eine neue Gruppe gemacht, und ich bin nicht drin."

Thomas spürt, wie sein Reflex hochkommt: Such dir neue Freundinnen, die waren sowieso nie nett zu dir, leg das Handy weg. Er lässt ihn vorüberziehen. "Eine neue Gruppe, ohne dich", sagt er. "Ja. Alle sind drin. Sogar Leonie." "Sogar Leonie. Das muss echt wehtun." Nele schweigt eine Weile und schaut auf die Straße. "Das ist wegen dem, was ich über Leonies Party gesagt hab. Ich war schon ziemlich gemein." "Ah", sagt Thomas, und sonst nichts. "Ich glaub, ich schreib ihr. Nicht in die Gruppe, nur ihr." "Das klingt nach einer guten Idee. Willst du durchgehen, was du schreiben würdest, oder willst du es selbst herausfinden?" "Selbst", sagt sie, aber sie lächelt fast.

Thomas hat nichts gelöst, und er hat die ganze Geschichte nur gehört, weil Nele sie erzählen wollte. Indem er gespiegelt statt repariert hat, gab er ihr den Raum, ihren eigenen Anteil am Problem und ihren eigenen nächsten Schritt zu finden, und den wird sie viel eher gehen als alles, was er ihr hätte vorschlagen können.

Nach Alter

Wenn es schwerfällt

"Aber manchmal braucht mein Kind wirklich meinen Rat." Unbedingt, und Sie werden ihn geben. Erst zuhören ersetzt das Anleiten nicht; es sorgt dafür, dass die Anleitung ankommt. Ein Kind, das sich verstanden fühlt, ist viel eher bereit, "Hier ist etwas, das helfen könnte" zu hören. Geht es um Sicherheit, etwa Mobbing, Selbstverletzung oder eine gefährdete Person, greifen Sie ein, aber auch dann beginnen Sie mit Zuhören, damit Sie das ganze Bild bekommen.

"Spiegeln fühlt sich künstlich an, wie beim Therapeuten." Das kann passieren, wenn es zur Formel wird. Bleiben Sie natürlich und sprechen Sie mit Ihrer eigenen Stimme. "Oh Mann, das ist so ungerecht", "Kein Wunder, dass du genervt bist" oder sogar ein mitfühlendes Stöhnen spiegeln ein Gefühl oft besser als ein sorgfältig formulierter Satz.

"Mein Kind jammert nur und will, dass ich zustimme, dass die Welt ungerecht ist." Ein Gefühl anzuerkennen heißt nicht, jeder Behauptung zuzustimmen. Sie können sagen "Du hattest das ganze Spiel über das Gefühl, der Schiedsrichter ist gegen dich", ohne hinzuzufügen "und das war er auch". Wenn das Gefühl seinen Moment hatte, sind Kinder meist eher bereit, eine andere Sichtweise zu bedenken.

Häufige Stolperfallen

In einem Satz

Wenn Sie zuhören, um zu verstehen, bevor Sie etwas lösen wollen, lernt Ihr Kind, dass es sicher ist, mit Problemen zu Ihnen zu kommen, und es kommt immer wieder.

Quellen

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychologische Beratung. Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, wenden Sie sich an eine Fachperson.