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Tag 17 von 30 · Woche 3 · Verhalten und Grenzen

Wahlmöglichkeiten statt Befehle

7 Min. Lesezeit

"Zieh deine Schuhe an." "Nein." "Zieh jetzt deine Schuhe an." "NEIN." Alle Eltern wissen, wie schnell aus einer einfachen Aufforderung ein Kräftemessen wird, und wie oft das genau im ungünstigsten Moment passiert. Von außen sieht es nach Trotz aus. Von innen fühlt es sich für das Kind oft an wie die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas mitzubestimmen an einem Tag, der fast vollständig von anderen festgelegt wird. Eine kleine, echte Wahl kann dem Moment die Schärfe nehmen, ohne dass Sie auf etwas Wichtiges verzichten.

Warum es wichtig ist

Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan, die die Selbstbestimmungstheorie entwickelt haben, gehen davon aus, dass alle Menschen ein Grundbedürfnis nach Autonomie haben: das Gefühl, dass unser Handeln zumindest teilweise von uns selbst ausgeht. Wird dieses Bedürfnis ständig frustriert, leisten Menschen Widerstand, selbst wenn das Verlangte vernünftig ist. Bei Kindern ist das nicht anders, und Kleinkinder wie Jugendliche, die beide gerade große Entwicklungssprünge in Richtung Selbstständigkeit machen, spüren es am stärksten.

Eine Wahlmöglichkeit erfüllt dieses Bedürfnis auf kleine, sichere Weise. Eine umfangreiche Übersichtsarbeit von Erika Patall und Kollegen ergab, dass Wahlmöglichkeiten Motivation und Anstrengung tendenziell steigern, besonders wenn die Optionen einfach und nicht zu zahlreich sind. Für Kinder heißt das: zwei oder drei Optionen, keine offene Speisekarte. "Was möchtest du frühstücken?" kann in Verhandlungen über Eis münden. "Müsli oder Brot?" endet meist mit einem Frühstück.

Entscheidend ist, dass die Wahl echt, aber begrenzt ist. Sie legen fest, was passieren muss (Zähne werden geputzt, Hausaufgaben werden gemacht, alle verlassen den Spielplatz). Ihr Kind entscheidet etwas über das Wie oder Wann. Sein Gefühl von Kontrolle steigt; Ihre Liste an Kämpfen schrumpft.

Probieren Sie es heute aus

  1. Finden Sie Ihren täglichen Brennpunkt. Wählen Sie einen Moment, der zuverlässig in einer Pattsituation endet: Anziehen, Aus-dem-Haus-Gehen, Hausaufgaben, Baden, Bildschirm aus. Fangen Sie dort an, statt alles auf einmal ändern zu wollen.
  2. Bieten Sie zwei Optionen an, mit denen Sie wirklich einverstanden sind. "Möchtest du den blauen Pulli oder den gestreiften?" "Hausaufgaben am Küchentisch oder an deinem Schreibtisch?" "Gehen wir jetzt oder nach noch einmal Rutschen?" Wenn Sie eine der Antworten ärgern würde, ist es keine echte Wahl.
  3. Halten Sie das Unverhandelbare aus der Frage heraus. Fragen Sie nie "Möchtest du ins Bett gehen?", wenn die Antwort Ja sein muss. Stattdessen: "Möchtest du wie ein Frosch ins Bett hüpfen oder wie ein Riese stapfen?"
  4. Lehnt Ihr Kind beides ab, bieten Sie ruhig eine dritte Option an. "Du kannst wählen, oder ich wähle für dich." Passiert nach ein paar Sekunden nichts, wählen Sie freundlich und ziehen es durch. Das ist keine Strafe; es ist einfach das, was als Nächstes passiert.
  5. Bieten Sie größere Entscheidungen an, wenn Ihr Kind älter wird. Ein Sechsjähriges wählt die Reihenfolge der Aufgaben. Ein Zehnjähriges entscheidet innerhalb gewisser Grenzen, wann es Hausaufgaben macht. Eine Fünfzehnjährige wählt vielleicht, welche Wochenendaufgabe sie übernimmt und wann sie sie bis Sonntagabend erledigt.

So kann es klingen

Es ist Mittwoch, 7:40 Uhr, und Sabine, alleinerziehend, muss den dreijährigen Paul bis acht in die Kita bringen, um ihre S-Bahn zu erwischen. Paul liegt im Schlafanzugoberteil auf dem Flurboden und weigert sich, seinen Pulli anzuziehen. Gestern endete dieser Moment auf beiden Seiten in Tränen.

Heute geht sie mit zwei Pullis in die Hocke. "Dinopulli oder der rote?" Paul schaut von einem zum anderen. "Dino." Er streckt die Arme hoch. An der Tür bleibt er wieder stehen. "Ich will keine Schuhe." Sabine atmet durch. "Möchtest du sie selbst anziehen, oder soll ich helfen? Du entscheidest." Paul schnappt sich einen Schuh. "Ich!" Er zieht ihn auf den falschen Fuß. Sie sagt nichts dazu.

Um 7:47 Uhr sind sie aus der Tür. Am Plan für den Morgen hat sich nichts geändert: Paul trug einen Pulli, Paul trug Schuhe, Paul ging in die Kita. Geändert hat sich, dass er zwei kleine Dinge entscheiden durfte, und das reichte offenbar. Die Wahlmöglichkeiten haben Paul nicht zu einem anderen Kind gemacht. Sie haben ihm einen Weg gegeben, Ja zu sagen, ohne das Gesicht zu verlieren, und genau darum geht es bei vielen "Neins".

Nach Alter

Wenn es schwerfällt

"Ist das nicht einfach Manipulation?" Das wäre es, wenn die Wahlmöglichkeiten nur vorgetäuscht wären. Das sind sie nicht. Sie sagen ehrlich, dass manches feststeht (Schule, Schlaf, Sicherheit), und geben Ihrem Kind echte Kontrolle über das, was übrig bleibt. Bei Erwachsenen ist es genauso: Die meisten von uns können nicht wählen, ob sie zur Arbeit gehen, aber wir schätzen es, zu entscheiden, wie wir hinkommen.

"Mein Kind will immer genau die Option, die ich nicht angeboten habe." Manche Kinder testen das. Sie können es freundlich anerkennen, "Du würdest gern im Schnee kurze Hosen tragen", und dann die beiden Optionen wiederholen. Kommt Ihr Kind nicht weiter, wählen Sie für es. Nach ein paar Tagen ruhiger Konsequenz fangen die meisten Kinder an, selbst zu wählen.

"Morgens habe ich keine Zeit, Wahlmöglichkeiten anzubieten." Eine Wahl anzubieten dauert etwa vier Sekunden. Ein Machtkampf um Schuhe kann eine Viertelstunde dauern. Bereiten Sie die Optionen am Vorabend vor, wenn das hilft: zwei Outfits bereitgelegt, zwei Frühstücksoptionen auf der Arbeitsplatte.

Häufige Stolperfallen

In einem Satz

Wenn das Ziel feststeht, der Weg aber frei gewählt werden darf, kooperieren Kinder meist, weil sie Ja sagen durften, statt Anweisungen zu bekommen.

Quellen

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychologische Beratung. Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, wenden Sie sich an eine Fachperson.